Reykjavik Open 2024


Anfang März machten sich mit Herbert und mir mal wieder zwei Pirmasenser auf den Weg nach Island zum renommierten Reykjavik Open.
Wir reisten knapp eine Woche vor dem Turnier an, um noch einige Tage an den Ostfjorden verbringen zu können – einer Region, die wir bei unseren früheren Island-Aufenthalten noch nicht besucht hatten.
Da der Weiterflug in den Osten erst am nächsten Tag möglich war, benötigten wir eine Übernachtung in Reykjavik.
Mit dem „Reykjavik Natura“ wählten wir ein Hotel, das eine große Schachtradition aufzuweisen hat: Fischer logierte hier 1972 während seines WM-Matches gegen Spassky, Hort und Spassky spielten hier 1977 ihr Kandidatenviertelfinale, bis 1988 war es einige Male Spiellokal des Reykjavik Open und zuletzt 2021 Austragungsort der Europaeinzelmeisterschaft.

Am nächsten Morgen ging es per einstündigem Inlandflug quer über die Insel weiter nach Egilsstaðir, der mit gut 2600 Einwohnern größten Stadt im Osten Islands.
Den See Lagarfljót, in dessen Tiefen ein Seeungeheuer hausen soll, konnten wir von unserem Hotel aus zu Fuß erreichen.
Für Ausflüge in die Fjordstädte Seyðisfjörður und Neskaupstaður nahmen wir den kostengünstigen öffentlichen Bus.
Seyðisfjörður ist für seine bunten Häuser und seinen Naturhafen bekannt, der Island im Sommer per Autofähre über die Färöer und Dänemark mit dem europäischen Festland verbindet.
Neben Siglufjörður war es eines der beiden Hauptdrehorte der 1. Staffel der Krimiserie „Trapped – Gefangen in Island“.

Neskaupstaður ist von bis zu 1000 m hohen Bergrücken umgeben und per Land durch einen 7,5 km langen Tunnel erreichbar, der bei schlechten Wetterbedingungen gesperrt wird.
Man nennt den kleinen Fischerort auch Litla Moskva („Klein-Moskau“), da er früher als einzige Gemeinde in Island mehr als 50 Jahre lang sozialistisch regiert wurde.
Das schlechte Wetter dort überbrückten wir in einem gemütlichen Café, bis uns der einmal täglich fahrende Bus wieder zurück nach Egilsstaðir brachte.

Am letzten Tag vor unserem Rückflug nach Rekjavik meinte es das Wetter immer noch nicht gut mit uns, aber der Besuch im Geothermalfreibad „Vök“ war somit umso schöner.

Für die Tage während des Turniers hatten wir ein geräumiges Appartment mit Küche im Zentrum von Reykjavik unweit der bekannten Hallgrimskirche gebucht.
Spiellokal war wie in den Jahren zuvor wieder das extravagante Konzert- und Konferenzhaus Harpa nahe des alten Hafens.

Da es viel regnete, verzichteten wir auf größere Tagesausfüge und spielten erstmals alle 9 Runden des Turniers durch.
Die freie Zeit vor und nach den Runden nutzten wir für Sinfoniekonzerte in der Harpa, den Besuch einer Lava-Show und einen Kampf gegen den Eisbären im Saga-Museum.

Schachlich erging es uns wie folgt:

1. Runde

Dietzsch, Herbert (1998) – FM Dauner, Benedikt (2366) 0:1
Barthel, Ansgar (2073) – GM Zhu, Jiner (2467) 0:1

Herbert und ich wurden jeweils mit Weiß gegen nominell deutlich stärkere Gegner gelost.
Lustigerweise bekamen wir beide die Lc5-Variante im Sizilianer aufs Brett, die ich mit Herbert kurz angeschaut hatte, da sein Gegner diese gelegentlich spielt.
Nun konnte ich zu meiner Überraschung ebenfalls von der Vorbereitung profitieren. Unsere Partien verliefen bis zum 12. Zug identisch, dann wich Herbert ab, während ich der Vorbereitung noch bis zum 16. Zug folgte. Herbert entglitt die Partie nach der Eröffnung. Er musste eine Qualität geben, aber nach ungenauem Spiel seines Gegners bekam er später die Chance zum Ausgleich, die er leider nicht nutzte.

Ich erhielt eine gute Angriffstellung, fand aber nicht die stärkste Fortsetzung und wurde von meiner Gegnerin ausgekontert.

2. Runde

Mercure, Gilbert (1804) – Dietzsch, Herbert (1998) 0:1
Manenschijn, Wouter (1864) – Barthel, Ansgar (2073) 0:1

Herbert konnte den Bauern, den sein Gegner im sizilianischen Flügelgambit geopfert hatte, bis ins Endspiel retten, musste dann aber bei knapper Zeit, als plötzlich Matt drohte, den starken Zug 43…Sc6! finden, um den Vorteil in einen Sieg umzumünzen.

Mein junger Gegner spielte gegen meine Aljechin-Verteidigung den scharfen Vierbauernangriff, verlor aber bei taktischen Verwicklungen den Überblick.

3. Runde

Dietzsch, Herbert (1998) – WGM Pourkashiyan, Atousa (2270) 0:1
Barthel, Ansgar (2073) – Winnubst, Paul (1681) 1:0

Herbert hatte Weiß gegen Hikaru Nakamuras Ehefrau Atousa Pourkashiyan. Die Eröffnung verlief nicht gut für ihn und resultierte in einem Bauernverlust. Dann aber unterschätzte seine Gegnerin Herberts Konterchancen. Er bekam entscheidenden Königsangriff und verpasste ein forciertes dreizügiges Matt.

Stattdessen „begnügte“ er sich mit einem Turmgewinn. Leider achtete er in völliger Gewinnstellung nicht auf seine Uhr und überschritt die Zeit. Ähnlich muss sich Hort 1977 im Kandidatenmatch gegen Spassky in Reykjavik gefühlt haben, als er in Gewinnstellung die Zeit überschritt und danach das Match knapp verlor.

Ich hatte es erneut mit einem diesmal noch jüngeren Holländer zu tun. Nach Ungenauigkeiten meines Gegners in der Sweschnikow-Variante kam ich positionell in Vorteil. Diesen wollte ich sofort in materiellen Vorteil umwandeln, was meinem Gegner jedoch zu Gegenspiel verhalf. Schließlich konnte ich in ein Turm-Leichtfigur-Endspiel mit einem Mehrbauern abwickeln, das bei bester Verteidigung wohl nicht für mich zu gewinnen gewesen wäre. Mein Gegner spielte jedoch zu passiv, so dass ich das Endspiel nach langem Kampf doch noch für mich entscheiden konnte.

Als Rahmenprogramm wurde am Abend wieder das traditionelle Pub-Quiz veranstaltet, das jedoch erst mit Verspätung gestartet werden konnte.
Nicht wegen des Vulkanausbruchs auf der nahegelegenen Reykjanes-Halbinsel, der live in den Turniersaal übertragen wurde, sondern weil noch eine Partie der dritten Runde lief.

Herbert und ich nahmen wieder als Team „Bärmesenser Schlabbefligger“ teil und erreichten bei teilweise sehr schwierigen (Schach-)Fragen einen respektablen Mittelplatz.

4. Runde

Zarriess, Benjamin (1798) – Dietzsch, Herbert (1998) 0:1
IM Fantinel, Thibault (2421) – Barthel, Ansgar (2073) 1:0

Herbert musste lange lavieren, bis sich taktische Chancen ergaben, und am Ende stellte sein Gegner die Partie mit 33.Sg5+?? ein. Die beiden waren sich in der Post-Mortem-Analyse schnell einig, dass die Alternative 33.Sxc5! zwar besser gewesen wäre, letztendlich aber auch verliert. Der Computer zeigte dann am Abend allerdings, dass nicht Herbert, sondern sein Gegner klar besser gestanden hätte.

Ich hatte Schwarz gegen einen französischen IM, der gut auf meine Aljechin-Verteidigung vorbereitet war. In einem Turm-Leichtfigur-Endspiel konnte ich mich mit einem Minusbauern lange Zeit zäh verteidigen, aber bei beidseitig knapper Zeit ließ ich mir schließlich meinen Turm einsperren. Mein Gegner spielte hier den auf den ersten Blick logischen Zug 75.Kxh7??.

Bei knapper Zeit gab ich nach 75…Sc5?? 76.Tb5 Kd6 77.Txc5 Kxc5 78.Kg7 auf. Später zeigte mir der Computer, dass die Stellung mit 75…Sc7! wegen der Fesselung auf der 7. Reihe Remis zu halten gewesen wäre: 76.Tb6 Sxa6! oder 76.Kg6 Sxa6, und der h-Bauer reicht nicht zum Sieg.

5. Runde

Dietzsch, Herbert (1998) – Demir, Hilmi Mustafa (1842) 1:0
Barthel, Ansgar (2073) – Erskine-Pereira, Jack (1903) 0:1

In einer italienischen Partie zog Herberts Gegner seine die Königsflügelbauern forsch vor, aber nachdem Herbert den Königsflügel abgeriegelt hatte, fand sein König dort ein sicheres Plätzchen. Der gegnerische König am Damenflügel hingegen geriet in einen heftigen Angriff. Als auch noch die c-Linie vor dem König geöfnnet wurde, gab es keine Verteidigung mehr.

Ich hatte in dieser Runde meine schwächste Partie. Nachdem ich gegen die französische Verteidigung gut aus der Eröffnung gekommen war, spielte ich unnötig vorsichtig und ermöglichte meinem Gegener Konterchancen, die dieser dann auch nutzte und im Endspiel verwertete.

6. Runde

Chasin, Nico (2447) – Dietzsch, Herbert (1998) 1:0
Kaergaard, Sissel (1795) – Barthel, Ansgar (2073) 0:1

Diese Runde war für Herbert die Höchststrafe: nicht nur, dass er mit Schwarz gegen einen jungen IM antreten musste, die Partie fand zudem noch im abgetrennten Streaming-Bereich am Tisch neben den Botez-Schwestern statt und wurde live im Internet übertragen. Herbert war dem Druck nicht gewachsen: nach einer schwachen Eröffnung kam er schnell unter die Räder und musste im 30. Zug aufgeben. Ähnliches widerfuhr ihm zwei Jahre zuvor beim Reykjavik Open, als er an einem Live-Brett chancenlos gegen IM Robert Baskin verlor.

Gegen den Betonaufbau meiner Gegnerin fiel mir nichts besseres ein, als nicht ganz korrekt einen Bauern zu opfern, um die Stellung ein wenig zu komplizieren. Überraschenderweise nahm meine Gegnerin das Bauernopfer nicht an und manövrierte sich in eine Lage, in der ihre Dame in Bedrängnis geriet. Das als Befreiungsschlag gedachte Figurenopfer schlug nicht durch, so dass ich meine Mehrfigur ins Endspiel retten konnte. Trotzdem musste ich während der Partie eine Schrecksekunde überstehen, da meine Gegnerin nach einem unvorsichtigen Zug meinerseits mit 32.e5! dxe5 33.Txe5! zurück ins Spiel hätte kommen können.

7. Runde

Dietzsch, Herbert (1998) – Geirsson, Kristjan (1819) 0:1
Barthel, Ansgar (2073) – Helgadottir, Idunn (1849) 1:0

Herbert hatte zum zweiten Mal in diesem Turnier mit Weiß eine italienische Partie, in der der Gegner mit den Bauern am Königsflügel vorstürmte.
In der Diagrammstellung muss sich Herbert nur noch ein Luftloch mit 22.h3! machen, um den Bauern d6 dann im darauffolgenden Zug zu verspeisen.

Er spielte allerdings voreilig 22.Sxd6??, und musste nach 22…Sxd6 23.Txd6 Txd6 24.Dxd6 Td8! wegen der Grundlinienschwäche aufgeben.
Nach der Partie konnte er sich nicht erklären, warum er das Motiv zugelassen hat, da er es eigentlich gesehen hatte, nach dem Zug 21…g5 seines Gegners aber aus irgendwelchen Gründen dachte, dass es dann nicht mehr geht.

Nach einer missglückten Eröffnung wehrte sich meine junge Gegnerin tapfer. Nach langem Kampf kam es zu folgender Situation im Endspiel.
Hier hätte meine Gegnerin den Zug 49…Lh5! finden müssen, um Remischancen zu wahren. Stattdessen spielte sie 49…Le4?? und konnte nach 50.Tf8! das Matt nicht mehr verhindern.

8. Runde

Gudnyjarson, Sigurdur Pall (1789) – Dietzsch, Herbert (1998) ½:½
Tripathi, Pratyush (1905) – Barthel, Ansgar (2073) ½:½

Herbert spielte eine ruhige Partie, in der nach einigen schnellen Abtäuschen nicht viel passierte.

Nach 16…Ld4? 17.Lg5 Dxg5 18.Lxf5 g6 19.Lh3 Df6 einigte man sich auf Remis.
Doch auch hier fand die Engine später eine verblüffende Möglichkeit für Herbert:
16…Lxg3!! 17.hg3: Dg6! oder 17.fg3: De6 mit klarem Vorteil.

Ich ließ meinen Gegner aus einer zweifelhaften Eröffnung entkommen und musste schließlich umsichtig spielen, um die Partie in den Remishafen zu lenken.

9. Runde

Dietzsch, Herbert (1998) – Hermannsson, Sigurbjorn (1791) ½:½
Barthel, Ansgar (2073) – Sanitt, Ethan (1914) 1:0

In der Schlußrunde lieferte Herbert ein Beispiel dafür, dass man in einer Partie immer das ganze Brett im Auge behalten sollte.
Nach 22…Sf6 konnte Herbert mit 23.Lh4? g5 24.Lf2 Lxd5 25.Sxd5 Sxd5 26.Txd5 Tc6 nichts rausholen.

Hätte er seinen Blick über die andere Bretthälfte schweifen lassen, hätte er sicher das einfache 24.Lb6! mit Figurengewinn gefunden.

Mein Eröffnungsexperiment bewährte sich.
Mit 14.e5! Sg4 15.e6! Dxe6 16.d5 gewann ich Material und damit dann auch später die Partie.

Eine Überraschung erlebten wir an unserem letzten Tag in Island: auf unserer Busfahrt zum Flughafen Keflavik in den frühen Morgenstunden sahen wir plötzlich den Vulkanausbruch aus sicherer Distanz.

Fazit: es war wieder eine schöne Mischung aus Urlaub und Schach in einem aufregenden Land.

Alle Ergebnisse:
Reykjavik Open 2024

Erstellt am 27 Mai 2024 von Ansgar Barthel